Onkelz wie wir

Die Böhsen Onkelz sind zurück.

Die Böhsen Onkelz, eine der umstrittensten deutschen Rockbands, sind nach fast zehnjähriger Pause mit ihrem neuen Nummer-eins-Album „Memento“ wieder auf ihrem Feldzug gegen das Establishment. Der erste von zwei Auftritten in der Olympiahalle am Montagabend zeigt, wie eine postfaktische deutsche Gegenkultur 2016 tickt – ein Einblick in die Filterblase der Anderen. Eine verkürzte Textexegese der Onkelz-Hits aus 30 Jahren Band-Geschichte läse sich wie folgt: Das Leben ist hart; man wird belogen und betrogen; der Staat, die Kirche, die Medien verarschen die Normalen, die Aufrechten; aber Errettung ist möglich: Freundschaft und Nation geben Halt.

Klingt nicht schlecht, verglichen mit einer verkürzten Textexegese aus 30 Jahren Geschichte einer beliebigen Punkband.

Feldzug gegen das Establishment, postfaktische deutsche Gegenkultur? Der Autor merkt nicht mal, wie er die Band damit aufwertet. Die abgehalfterten Brüllsäcke mit der aggressiven Gitarrenmucke waren schon abgeschrieben. Die Süddeutsche schreibt sie zurück in den Kulthimmel.

Bestimmte Medien gehören im Outlaw-Kosmos der Onkelz klar zu den Ausgeschlossenen: Für das Konzert verweigerte das Band-Management der Süddeutschen Zeitung eine Akkreditierung. Die Band, die Mitte der Achtziger- und zu Beginn der Neunzigerjahre wegen fremdenfeindlicher Texte („Türken raus“) der rechten Szene zugeordnet wurde, beteuert seit einigen Jahren stets, sich davon distanziert zu haben. Wenn die Läuterung, die Abkehr von den strammen Tagen also vollzogen ist, warum dann dieses Versteck-Spiel?

Die Onkelz wollten die Süddeutsche Zeitung nicht akkreditieren. Ich weiß nicht, ob eine Akkreditierung lediglich Freikarten für Journalisten der Süddeutschen bedeutet hätte oder auch Backstagepässe, Zugang zur Band und Interviewmöglichkeiten. Daraus folgt nicht, dass die Beteuerung einer Distanzierung nicht glaubhaft ist, sondern allenfalls dass den Onkelz ihre seit Jahren lauthals verkündeten Prinzipien wichtiger sind als das, was die Süddeutsche über sie und das Konzert schreibt.

Lieder wie „Danke für Nichts“ sind Hymnen für Verbitterte, die das sehr männliche Publikum, das hier nun für 69 Euro Eintritt endlich Linderung in der Gemeinschaft findet und für das trotz aller Versprechungen eben nie der German Dream in Erfüllung ging, frenetisch feiert. Für den weißen heterosexuellen Mann ist alles furchtbar kompliziert und bedrohlich geworden.

Als Onkelz-Fan gehöre ich also in dieselbe Kategorie wie Trump-Wähler: Verbittert, sehr männlich, der German Dream ging für mich nie in Erfüllung. Linderung finde ich für 69 Euro Eintritt in der Gemeinschaft, bei den Kameraden (Trigger!).

Bei weißen Männern muss auch nicht differenziert werden. Keiner sagt „Das Onkelz-Konzert darf jetzt aber nicht dazu benutzt werden, alle weißen heterosexuellen Männer über einen Kamm zu scheren!“ Und was soll in diesem Zusammenhang sehr männlich bedeuten? Überwiegend männlich? Oder irgendwie übermännlich?

Glücklicherweise ist für den weißen heterosexuellen Mann, anders als vom Autor dargestellt, nicht alles furchtbar kompliziert und bedrohlich geworden, sondern der weiße heterosexuelle Mann lässt auch mal richtig die Sau raus.

Da tut es ihm gut, wenn er in der Zugabe wie früher einfach mit den Kameraden „Mexico“ – ein Lied von 1985, aus der Zeit vor der Läuterung, von dem sich die Böhsen Onkelz wohl noch nicht distanziert haben – gröhlen darf: „Siegesgewiss fahr’n wir nach Mexiko, Um uns’re Elf zu seh’n, Im Siegesrausch, voller Alkohol, Lassen wir die Fahnen weh’n.“

Genau.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s