Lamya Kaddor: Bemühen zu überzeugen

Lamya Kaddor fordert, jungen Arabern wenigstens ein bisschen Zeit zu geben.

Wenn Menschen also aus dem arabischen Kulturraum zu uns kommen, sind sie ziemlich anders aufgewachsen als ihre Altersgenossen in Deutschland.

Ziemlich anders aufgewachsen? Laut Duden bedeutet „ziemlich“

1. in verhältnismäßig hohem, großem, reichlichem o. ä. Maße,
2. (umgangssprachlich) annähernd, fast; ungefähr.

Meint sie die relativierende umgangssprachliche Bedeutung: Menschen aus dem arabischen Kulturraum sind „annähernd anders“ oder „fast anders“ aufgewachsen? Oder meint sie wörtlich – wenn auch sprachlich falsch -, diese Menschen seien „in großem Maße anders aufgewachsen“? Und falls sie das meint, warum soll das nur gelten, wenn die Menschen zu uns kommen? Das ist sprachlich und inhaltlich Quatsch.

Sie sind deshalb keine „Neandertaler“, wie uns der rechtspopulistische Diskurs suggerieren will.

Das Wort „Neanderthaler“ habe ich in diesem Zusammenhang noch nicht gehört. Vielleicht taucht das Wort in irgendeiner „Hassmail“ eines minderbemittelten Primitivos tatsächlich auf. In der öffentlichen Diskussion lese ich die Bezeichnung „Neanderthaler“ für „Menschen aus dem arabischen Kulturkreis“ im Artikel von Lamya Kaddor zum ersten Mal. Warum führt sie den Begriff ein?

Und was könnte sie mit „rechtspopulistischem Diskurs“ meinen? Ein Diskurs ist ein erörternder Vortrag, oder, wie Wikipedia sagt:

Der Begriff Diskurs (von lateinisch discursus „Umherlaufen“) wurde ursprünglich in der Bedeutung „erörternder Vortrag“ oder „hin und her gehendes Gespräch“ verwendet.

Seit den 1960er Jahren wird der Begriff zunehmend in Diskurstheorien eingesetzt und untersucht. Dadurch erhält er wechselnde Bedeutungen. Diskurstheorien versuchen zu beschreiben, wie Folgen von Äußerungen entstehen. Die Form der Untersuchung kann philosophisch, linguistisch oder auch literaturwissenschaftlich sein.

Welche Bedeutung Frau Kaddor hier auch immer meint, es ist fast schon egal, denn auf jeden Fall ist dieser „Diskurs“, der die von Lamy Kaddor eingeführte Bezeichnung „Neanderthaler“ „suggerieren“ will, „rechtspopulistisch“. Der ganze krude Satz hat nur den Zweck einer Vorab-Relativierung der folgenden:

Aber viele von ihnen haben tatsächlich eine andere Vorstellung von den Aufgaben der Frau in einer Gesellschaft. Einzelne verachten Frauen sogar, viele sehen sie jedoch nur anders.

Auch in diesen beiden Sätzen wird nochmals und zweifach relativiert. Dass jemand eine andere Vorstellung von den Aufgaben der Frau in der Gesellschaft hat, ist ja nicht so schlimm. Einzelne verachten Frauen sogar – was? -, viele, wir erinnern uns an den letzten Satz, sehen sie jedoch nur anders.

Das Spektrum ist breit. Es reicht von „Heimchen am Herde“ bis zu „Freiwild“.

Das Spektrum. Wo liegt der Schwerpunkt? Bei „Heimchen am Herde“ oder bei „Freiwild“? Hat das jemand untersucht? Gibt es Daten zum Frauenbild in der arabischen Gesellschaft? Ist das Frauenbild das eigentliche Problem? Wir wissen es nicht.

Viele Flüchtlinge aus der arabischen Welt bringen so ein anderes Frauenbild mit (Allerdings haben auch viele Männer in Deutschland und anderorts ein anderes Frauenbild, als es sich eine aufgeschlossene, moderne Gesellschaft wünscht).

Die Relativierung darf nicht fehlen. „Viele Männer in Deutschland und anderorts“ – was meint Lamya Kaddor damit? Meint sie viele deutsche Männer? Oder meint sie viele Männer in Deutschland, also einschließlich der eingangs erwähnten Menschen aus dem arabischen Kulturraum, die zu uns gekommen sind? Die sind ja auch in Deutschland. Oder meint sie überall, weil sie „in Deutschland und anderorts“ schreibt? Also auch in den Ländern, aus denen die Menschen aus dem arabischen Kulturraum kommen? Das ist alles Blödsinn, zusammengeschludert und unverständlich.

Aus dem Kontext muss man schließen, sie meint wohl deutsche Männer. Also haben viele deutsche Männer auch ein anderes Frauenbild. Ist es dasselbe Frauenbild, das die Menschen aus dem arabischen Kulturraum haben? Nein, das schreibt sie nicht. Aber es darf vermutet werden, schließlich ist es der relativierende Satz hinter „Freiwild“. Oder will Frau Kaddor das nicht sagen? Warum schreibt sie es dann?

Der Hauptgrund für dieses andere Frauenbild im arabischen Kulturraum ist die nach wie vor oft patriarchalisch und nach Stammesprinzipien geprägte Gesellschaftsstruktur dort. Die Länder sind voll von kleinen Fürsten: Männer, denen wegen ihres Alters oder Standes eine herausgehobene Position beigemessen wird. Sie herrschen über ihre Familien und manchmal auch über die Nachbarschaft. Vor ihnen hat man – zumindest in der Öffentlichkeit – zu schweigen und gegebenenfalls den Kopf zu senken und Kommandos mit einem untertänigsten: „hâdir!“ – „zu Befehl“ – zu quittieren.

Ich weiß nicht, ob das der Hauptgrund für das andere Frauenbild im arabischen Kulturraum ist, wie Frau Kaddor schreibt. Unterstellt, es wäre so: Ja, und? Macht es das weniger verschieden von meinem Frauenbild?

Religionen können diese Strukturen festigen – denn alle Religionen in der arabischen Welt sind männlich dominiert. Das gilt sowohl für Muslime als auch für orientalische Christen, sephardische Juden, Jesiden, Drusen und andere Gemeinschaften.

Wie – die haben alle dasselbe rückständige Frauenbild? Orientalische Christen? Sephardische Juden? Was ist mit den Juden in Israel, die ihre Töchter den Wehrdienst verrichten lassen – die auch? Oder nicht? Ach nein, Frau Kaddor schreibt, alle Religionen in der arabischen Welt sind männlich dominiert. Aber das ist doch nicht dasselbe wie Frauen als „Freiwild“ betrachten, kann der Leser jetzt fragen. Ja, stimmt. Aber Lamya Kaddor setzt das gleich.

All diese Traditionen erleben junge Männer tagein, tagaus. In der eigenen Familie, im Bekanntenkreis, in der Gesellschaft. Faustregel: Je geringer nun die „Beinfreiheit“ zu Hause ist, desto größer der Drang, sich fernab der Familie auszuleben.

Junge Männer, die tagein, tagaus „diese Traditionen“ erleben, leben sich fernab der Familie aus (heißt: betrachten Frauen als Freiwild und verhalten sich entsprechend)? Dafür gibt es sogar eine „Faustregel“?

Entspricht das überhaupt den Beobachtungen, die wir in diesen von Frau Kaddor beschriebenen „Gemeinschaften“ sehen? Wenn das Frauenbild der Männer zu Ereignissen wie in Köln zu Silvester führt, warum sehen wir nicht, dass Muslime, orientalische Christen, sephardische Juden, Jesiden, Drusen und andere Gemeinschaften Frauen im öffentlichen Raum umringen, einkesseln und vergewaltigen? Oder sehen wird das? Und von welcher „Gemeinschaft“ geht das aus? Frau Kaddor schert sie alle über einen Kamm, erklärt sie alle zu Rückständigen auf der selben Stufe und relativiert damit die Verbrechen an Frauen.

Solche Grundlagen muss man aber nicht stoisch als gegeben hinnehmen. Menschen lernen ihr Leben lang, sagt der Volksmund. Menschen lernen in jüngeren Jahren mehr als später, sagen Entwicklungspsychologen. Faustregel: Je älter man ist, desto schwerer fällt es einem, sich einer neuen Umgebung anzupassen.

Aha, wir müssen „solche Grundlagen“ nicht „stoisch als gegeben hinnehmen“. Das hatte ich auch nicht vor. Ich möchte das überhaupt nicht hinnehmen, ob stoisch oder nicht. Was hat das Wort „stoisch“ hier eigentlich zu suchen? Es ist nur ein weiteres Füllwort, das die Aussage „Das muss man nicht als gegeben hinnehmen“ verwässert.

Was ist die Lösung? Frau Kaddor verrät es uns: Der „Volksmund“ sagt, Menschen lernen ihr Leben lang. Moment – der „Volksmund“? Diesen Allgemeinplatz untersetzt Frau Kaddor mit dem, was „Entwicklungspsychologen sagen“. Frau Kaddor kommt ins Labern. Und sie präsentiert uns gleich die nächste „Faustregel“. Eigentlich will sie wohl sagen: Die Menschen aus dem arabischen Kulturkreis können lernen. Ob sie ihr Frauenbild auch ändern wollen? Wie funktioniert das in Parallelgesellschaften, in denen der arabische Clan alles und deutsche Werte und und Gesetze nichts bedeuten? Diese Fragen stellt Frau Kaddor nicht.

Und trotzdem: Gleichberechtigung von Mann und Frau, Religionsfreiheit, Homosexualität, Kampf gegen Antisemitismus sind für uns nicht verhandelbar!

Richtig. Klingt nach einer klaren Aussage. Leider sprachlich wieder äußerst dürftig. Homosexualität ist nicht verhandelbar? Sie meint wohl: Die Gleichbehandlung von Homosexuellen ist nicht verhandelbar. Sehr gut. Der Kampf gegen Antisemitismus ist nicht verhandelbar? Der Kampf? Und worauf bezieht sich das „trotzdem?“ Auf die davor stehende Aussage? Dass es Älteren schwerer fällt sich anzupassen, ist also die Schwierigkeit, der es zu trotzen gilt?

Die Mindestvoraussetzung ist, dass jeder solche Freiheiten toleriert.

Ich weiß ja was sie meint, und sie meint das Richtige, aber kann sie das denn nicht einmal richtig ausdrücken! „Solche Freiheiten“ bezieht sich auf den letzten Satz. Aber die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist keine Freiheit, sie ist ein Recht. Homosexualität ist keine Freiheit. Frei macht es mich, wegen meiner Homosexualität nicht diskriminiert zu werden. Der Kampf gegen Antisemitismus ist keine Freiheit, er ist ein Recht.

Andernfalls muss er die Konsequenzen spüren. Ein Mann, der Frauen nicht die Hand geben will, wird erleben, dass er mit dieser Haltung in Deutschland Probleme bekommen kann.

Wie genau sehen diese Probleme denn aus? Gesellschaftliche Ächtung in der muslimischen Parallelgesellschaft? Wenn jemand einer Frau nicht die Hand geben will, ist das erstmal sein Recht. Also was meint Lamya Kaddor?

Etwas anderes ist es, wenn ein arabischer Mann nicht mit Behördenmitarbeiterinnen sprechen will, nur weil sie weiblich sind. Zum Beispiel im Asylverfahren oder wenn er Sozialleistungen beantragt. Dieser Mann muss erleben, dass er dann sein Anliegen nicht vortragen kann. Ob das in deutschen Behörden passiert? Ich denke, dass regelmäßig der Kollege aus dem Nachbarzimmer geholt wird, der ersatzweise einspringt. Hier müsste die Vermittlung unserer Werte durchgesetzt werden.

Ein Mann, der übergriffig und gewalttätig gegenüber Frauen wird, muss im Rahmen des Rechtsstaats hart bestraft werden.

Hört sich erstmal nach einer klaren, forschen Ansage an. Und zerbröselt dann bei näherer Betrachtung wegen sprachlicher Fehler und Ungenauigkeiten. Ob eine Strafe hart ist, hängt von der Sichtweise des Betrachters ab. Gut, harte Strafe kann man ja fordern. Das Wort „übergriffig“ hat hier nichts zu suchen. Anstarren wird von Frauen manchmal als „übergriffig“ empfunden, es steht aber nicht unter Strafe – zu recht. Aber weil Frau Kaddor es so explizit erwähnt: Ich hoffe, die Selbstverständlichkeit des Unter-Strafe-Stellens von Gewalt gegen Frauen (und Männer) steht nicht in Frage? Oder habe ich diesen Teil der Debatte nicht mitbekommen?

Ob man alle Flüchtlinge aus der arabischen Welt überzeugen kann, ihr Frauenbild zu ändern, kann niemand sagen. Aber man muss sich darum bemühen.

Wie jetzt – man muss sich darum bemühen, zu überzeugen? Das passt nicht zu den klaren Ansagen. Was ist, wenn einige Flüchtlinge aus der arabischen Welt nicht überzeugt werden können, ihr Frauenbild zu ändern? Oder wenn sie das schlicht nicht wollen? Ist dann die Gleichberechtigung von Mann und Frau doch verhandelbar? Oder schieben wir die Unbelehrbaren ab? Was machen wir denn mit denen?

Das ist eine typische Denkweise der Weltverbesserer: Mit großen Worten werden Selbstverständlichkeiten gefordert. Aber den Punkt konsequent zu Ende denken, das überlassen sie anderen. Ja, was passiert denn mit denen, die unbelehrbar sind? Oder sogar kriminell werden?  Dazu sagt sie nichts, so weit denkt sie nicht. Wenn dann verantwortungsbewusste Menschen durchziehen und Menschen abschieben, die ihr Gastrecht verwirkt haben, dann wird Frau Kaddor mit erhobenen moralischen Zeigefinger wieder da sein und wieder etwas fordern. Und zwar diesmal, dass die Abschiebung nicht vertretbar wäre und dass sie die Menschenwürde verletze.

Und die Gesellschaft sollte ihnen ein bisschen Zeit zum Verändern einräumen – aber nur, solange dadurch niemand zu Schaden kommt.

Wieviel Zeit ist denn angemessen? Ein Jahr? Fünf Jahre? Aber nur, solange niemand zu schaden kommt? Also räumen wir „übergriffig“ gewordenen Männern und Vergewaltigern eine kürzere Frist ein? Oder verkürzen wir die Frist, bevor ein Mann „übergriffig“ wird? Wer stellt fest ob diese Gefahr besteht, wie ist das denn erkennbar?

Der ganze Artikel strotzt von Fehlern und Ungereimtheiten. Sprachlich schlecht werden zusammenhanglose Aussagen miteinander verknüpft, selbst die übrig bleibenden Allgemeinplätze sind missverständlich formuliert. Und auch diese Allgemeinplätze werden relativiert. Der Artikel ist eine einzige Ablenkung von den wirklichen Herausforderungen angesichts des Frauenbildes in der arabischen Welt – und nicht nur des Frauenbildes.

Frau Kaddor wünscht sich, dass diese Männer (natürlich immer nur die Männer, die Frauen die kommen, die haben natürlich ein modernes Familienbild!) ihr Frauenbild an unseres anpassen. Aber warum sollten die das tun? Welchen Grund haben Sie? Oder welchen Druck?
Für sie hat das doch nur Vorteile. Und die deutschen Frauen schreckt das ja auch nicht ab, die gehen trotz (oder grade wegen?) des antiquierten Frauenbildes auf die Flüchtlinge zu.
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1 Kommentar zu „Lamya Kaddor: Bemühen zu überzeugen“

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